Mein Urlaub – Mein Leben

Im letzten Sommer habe ich Neuland betreten:

Ich war zum ersten Mal alleine im Urlaub. Ich wünschte mir Zeit zum Nachdenken, um mir neue Ziele zu stecken. Ziele, die mein Herz berührten, die ich mit Leidenschaft verfolgen würde.

Meine Wahl fiel auf ein süßes kleines Hotel in Norditalien, das geführte Wanderungen in die umliegende Bergregion anbot. Diese sollten sich, so war es versprochen, vom Schwierigkeitsgrad her jeden Tag etwas steigern.

Ich legte die Strecke mit dem Auto zurück, besuchte unterwegs gute Freunde und kam fröhlich und wohlbehalten an meinem Ziel an.

Nachdem ich meinen Wagen ausgeräumt hatte, erkundigte ich mich nochmals nach den Wanderungen.

„Die erste Wanderung ist ganz leicht“, teilte mir der Hotelmanager mit. „Sie dauert drei oder vier Stunden, und es sind viele Pausen eingeplant.

Ideal, um erste Erfahrungen im Gebirge zu sammeln.“

Ich schrieb mich also in der Teilnehmerliste ein und erwartete den nächsten Tag mit Spannung.

 

Am nächsten Morgen wurde ich mit drei anderen Gästen von einem Kleinbus abgeholt und zum Treffpunkt mit dem Bergführer gefahren.

Meine Mitwanderer waren mir sehr sympathisch

und auch alles Anfänger wie ich.

 

Am Treffpunkt angekommen lernten wir den Bergführer kennen. Dieser erkundigte sich nach unserer Vorerfahrungen bezüglich des Wanderns und teilte uns mit, dass wir erst einmal ein Stück miteinander laufen würden, damit er sehen könne, wie gut unsere Kondition sei.

 

Bei strahlendem Sonnenschein liefen wir los. Nach etwa eineinhalb Stunden machten wir eine kurze Pause.

„Ihr seid ja alle topfit“, verkündete der Bergführer. „Das Wetter passt auch. Wir können also eine viel interessantere Route gehen als die ursprüngliche.“

Wir freuten uns, das zu hören, und nach 5 Minuten Pause ging es weiter. Mir ging es prächtig und die Landschaft war einfach herrlich.

 

Die Wege, die wir liefen, wäre ich niemals alleine gelaufen. Meistens gingen wir recht schmale Trampelpfade entlang und kletterten über Felsen.

Langsam jedoch merkte ich, dass ich aus der Puste kam. Das Tempo war auf die Dauer für mich zu schnell, die Pausen viel zu selten.

 

Meine Füße machten mir Schwierigkeiten, ich spürte, wie sich Blasen bildeten. Eigentlich hätte ich dringend eine lange Pause benötigt, doch mir war es unangenehm, die anderen aufzuhalten. Also lief ich weiter. Die Landschaft war wirklich fantastisch, aber ich hatte gar keine Zeit, sie zu genießen.

Meine neugewonnenen Freunde warteten auf mich. Sie ließen mich direkt hinter dem Wanderführer laufen. Sie teilten ihm mit, dass wir eine Pause brauchen, doch er winkte ab: „Später“, sagte er. „Es gibt einen Rastplatz weiter oben.“

Meine Füße rebellierten. Eigentlich hätte ich mich hinsetzen müssen und streiken. Ich hätte eine Zwangspause einlegen müssen.

 

Ich spielte mit diesem Gedanken, setzte ihn aber aus Scham, schlapp zu machen, nicht in die Tat um. Ich wanderte weiter.

 

Wir wanderten fast acht Stunden statt der angekündigten vier und bewältigten 600 Höhenmeter statt nur 100 wie geplant. Für eine blutige Anfängerin wie mich war das eindeutig zu viel.

 

Ich treibe viel Sport, bewege mich aber so gut wie nie im Gebirge und diese Tour in diesem Tempo war eindeutig zu viel für mich. Die Zeit zum Nachdenken, für die ich nach Italien gefahren war, hatte ich auf dieser Wanderung nicht gefunden.

 

Ich habe nicht für mich und meinem Körper gesorgt. Habe nicht Nein gesagt und stattdessen brav mitgemacht.

 

Wie häufig geschieht genau das in unserem Leben?

Wie häufig verbiegen wir uns, um anderen Menschen zu gefallen, um nicht aufzufallen, um anderen Menschen die Freude nicht zu verderben?

Dabei verlieren wir zu oft, und ganz ohne es zu bemerken, unsere eigenen Wünsche und Ziele aus den Augen. Wir funktionieren in unserem Alltag und vergessen uns dabei.

 

Das Ergebnis der Wanderung war für mich: mehrere Blasen an den Füßen und zwei blutig unterlaufende Zehnägel, die nach einiger Zeit abfielen. Mit den Spätfolgen habe ich noch heute zu tun.

Und ich muss mich fragen, ob dieser Preis, den ich dafür gezahlt habe, wirklich die Sache wert war? War es das wert, die Starke zu spielen?

Ganz klar lautet die Antwort: Nein.

 

Im Leben zahlen wir häufig einen Preis fürs Mitmachen, dafür, nicht aufzufallen. Und manchmal verlieren wir da durch mehr als nur ein paar Zehennägel.

 

Wie häufig reiben wir uns wie ein Radiergummi für die Ziele anderer Menschen auf?

Die Menschen, die davon profitieren, bemerken unsere Opfer häufig überhaupt nicht.

Mehr noch, unsere Kompromisse, unsere Anpassung werden als selbstverständlich hingenommen.

 

Ein Dankeschön oder Wertschätzung bekommen wir in der Regel nicht.

 

 

Weitere Wanderungen konnte ich diesen Urlaub nicht mehr durchführen. Jetzt war nur noch Wellness angesagt.

 

Mir hat dieses Ergebnis auf jeden Fall klargemacht, dass ich mich und meine eigenen Bedürfnisse nicht vernachlässigen darf, und dass ich Zugeständnisse nur für die Menschen mache, die mir wirklich am Herzen liegen und die meine Leistung auch zu würdigen wissen und das Gleiche auch für mich tun, falls nötig.

 

Denn wenn ich nicht für mich selbst sorge, tut es in der Regel niemand.

 

Vielleicht hilft dir diese Geschichte  dabei, dein Leben aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten.

Wobei verbiegst du dich?

Was möchtest du anders haben?

Was tut dir gut und was solltest du in Zukunft lieber verändern?

 

Die Jahreswende ist eine wunderbare Zeit dafür, Bilanz zu ziehen und sich neue Ziele zu setzen. Eventuell einen Kurswechsel vorzunehmen.

Ich wünsche dir auf jeden Fall, dass du deine Ziele weiter im Blick behältst und du ein Leben führst, das dir entspricht, und nicht das Leben eines anderen.

 

Falls Du noch Fragen hast, schreibe mir doch einfach eine Email: info@erika-thieme.de

Ich freue mich über Deine Nachricht!

 

Herzliche Grüße

Erika Thieme

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