Etwas, das mich sehr nachdenklich gemacht hat.

Vor ein paar Jahren musste ich mich einer Fußoperation unterziehen. Sie war nicht schlimm, aber sie musste gemacht werden. Danach konnte ich für einige Zeit nicht laufen und musste den Fuß so still wie möglich halten. Das Mittel der Wahl dafür waren nicht Krücken, sondern ein Rollstuhl.

So landete ich also von heute auf morgen im Rollstuhl, wenn auch nur für einen überschaubaren Zeitraum.

Meine Kinder, die damals noch recht klein waren, wurden liebevoll von den Großeltern versorgt. Also hatte ich genügend Zeit für mich. 

Ich lud jeden Tag Freundinnen zu mir nach Hause ein. Das Wetter war einfach herrlich, so dass wir viel Zeit im Garten verbringen konnten. 

Wir hatten viel Spaß miteinander und lachten viel. Die Stimmung war einfach super. Irgendwann war uns dann nach einem Tapetenwechsel: 

Raus aus den eigenen vier Wänden. 

Ich machte mich fein wie immer. Sah gepflegt aus, kleidete mich modisch, und los ging es. 

Natürlich saß ich im Rollstuhl, was ich überhaupt nicht schlimm fand – ich wusste ja, dass dieser Zustand nur noch ein paar Tage andauern würde. Ich machte mir einen Spaß aus der Situation und wir lachten viel.


Doch was ich an diesem Tag erleben sollte, damit hätte ich nie im Leben gerechnet.

Noch heute macht es mich nachdenklich. Ich bin geradezu erschüttert, auch wenn das Ereignis jetzt schon einige Jahre zurückliegt.


Folgendes geschah an diesem Nachmittag. 
Meine Freundinnen schoben mich durch die Stadt. Dabei unterhielten wir uns. 

Ich fand es lustig, durch die Gegend geschoben zu werden wie ein kleines Kind im Kinderwagen. Normalerweise war ich diejenige, die schob. Der Perspektivwechsel war interessant. 

Während dieser Gedanken und Gespräche erblickte ich einen Sportkollegen von mir, der mir entgegenkam und freute mich schon darauf, mit ihm einen kleinen Smalltalk zu halten. Er befand sich auf meiner Straßenseite. Doch zu meiner Überraschung begrüßte er mich nicht, als er mich sah, sondern wechselte die Straßenseite. 

Völlig erstaunt winkte ich ihm zu. Er tat, als ob er mich nicht sehen würde. 

Ich überlegte, ob ich mir etwas zuschulden hatte kommen lassen. Mir fiel jedoch nichts ein. 


Der Nachmittag ging weiter. 

Wir besuchten ein Möbelhaus, in dem ich schon oft Möbel gekauft hatte und in dem die Verkäufer mich kannten. Sie hatten mich in der Vergangenheit immer sehr freundlich behandelt. 


Im Allgemeinen bin ich es gewohnt, gesehen zu werden und von den Menschen in meiner Umgebung freundlich behandelt zu werden. Auch an Tagen, an denen ich vielleicht nicht so gut drauf bin, werde ich nicht übersehen. Doch an diesem Nachmittag war alles anders. 

Zu meinem Erstaunen grüßte mich niemand. 
Nur meiner Begleitung schenkte man/ frau mitleidige Blicke. 


Doch ich ließ mich von diesem Verhalten nicht aus der Bahn werfen und wir schauten weiter nach Möbeln. 
Nach einer Zeit des Stöberns fanden wir einen Verkäufer für ein Beratungsgespräch.

„Ich interessiere mich für die Kommode dort hinten. Gibt es die auch in Buchenholz?“, sagte ich zu ihm.

„Bitte warten Sie einen Augenblick“, sagte der Verkäufer zu meiner Freundin, die meinen Rollstuhl schob. „Ich sehe im Katalog nach.“

Und so ging es weiter. Ich sagte etwas, und er antwortete meiner Freundin. Buchstäblich über meinen Kopf hinweg, als würde ich nicht existieren oder sei tatsächlich ein Kind im Kinderwagen, mit dem man nicht über „erwachsene“ Themen spricht. 

Ich kann mich noch gut erinnern, wie ich in meinem Rollstuhl saß und dachte: Das darf doch wohl nicht wahr sein!

Ich gab noch nicht auf. Ich lachte den Verkäufer an, erhob mich ein wenig in meinem Rollstuhl, winkte ihm zu: „Hallo, ich bin auch noch da. Es geht um eine Kommode für mich!“

Ihn so offen auf sein Fehlverhalten aufmerksam zu machen, war zugegebenermaßen etwas provokant. Aber ich war ja dabei nicht unfreundlich. 

Doch wieder überraschte die Reaktion des Verkäufers mich negativ. Ich hatte ein verlegenes Lächeln und eine Entschuldigung erwartet. Doch der Verkäufer sah zu mir runter und sagte nur: „Ja, ich weiß.“ 

Dann wandte er sich wieder meiner Freundin zu. Es schien, als hätte er seine falsche Kommunikation nicht einmal bemerkt – als wäre es für ihn ganz normal, nicht mit der Frau im Rollstuhl zu sprechen, sondern mit ihrer Begleitung. Er dachte keine Sekunde darüber nach. Ich kam mir völlig entmündigt und gedemütigt vor.

Ich wurde nachdenklich. 

Wie es wohl Menschen in unserer Gesellschaft ergeht, die ständig im Rollstuhl sitzen müssen?

Ganz ehrlich, ich mag mir diese Situation gar nicht ausmalen. Auch heute beim Schreiben dieser Zeilen werde ich traurig und kann noch den Schock in mir spüren.

Einige Wochen später traf ich meinen Sportkollegen beim gemeinsamen Training. 

Ich suchte die Konfrontation und fragte ihn gerade heraus, ob er mich damals nicht gesehen hätte. Das tat ich natürlich recht freundlich.

Es stellte sich heraus, dass meine damalige Intuition völlig richtig gewesen war. Er hatte mich gesehen, war aber völlig schockiert davon, mich im Rollstuhl zu sehen. Er hatte sich gefragt, was wohl geschehen sein mochte, dass ich innerhalb so kurzer Zeit so krank geworden sei, und er war mit der Situation auf die Schnelle nicht fertiggeworden. 

Deshalb sein Fluchtversuch. 

Immerhin freute er sich riesig darüber, dass es mir wieder besser ging.


Ich weiß nicht, wie es dir, lieber Hörer, beim hören dieser Geschichte geht. Welche Gefühle diese Geschichte in dir auslöst. Doch selbst heute, Jahre nach dem Erlebnis, frage ich mich immer wieder: Benötigen Menschen aus unserer Umgebung, wenn sie plötzlich krank werden, wenn sie einen schweren Schicksalsschlag erlitten haben, wenn sie vielleicht einfach besondere Bedürfnisse haben, nicht noch intensiver unsere Unterstützung, als im gesunden Zustand?

Ganz ehrlich, meiner Meinung nach kann 
Hilfe manchmal so leicht sein. 

Manchmal reichen schon ein paar aufmunternde Worte oder ein liebevolles Lächeln, etwas Anteilnahme, und die gehandikapte Person fühlt sich sofort etwas besser. 

Etwas Freundlichkeit kostet doch nichts und verursacht auch keine Schmerzen. Ganz im Gegenteil!


Ich jedenfalls  bin nach diesem Erlebnis noch viel dankbarer als zuvor schon, dafür, dass ich gesund bin und dass ich gesehen werde. 


Seit diesem Erlebnis achte ich auch besonders darauf, mit meiner ganz normalen Freundlichkeit auf Menschen mit Behinderung zuzugehen. Sie zu sehen. Nicht wegzuschauen, sondern da zu sein, wenn ein Mensch mit Behinderung Unterstützung im Alltag benötigt.

Habe ich dich zum Nachdenken angeregt? 

Das ist mein Wunsch. Denn es ist nie zu spät, das eigene Verhalten zu überdenken und zum Positiven zu verändern. Denn meistens gibt es noch Luft nach oben, wie man im Volksmund so schön sagt.


Ich wünsche dir ganz viel Gesundheit und glückliche Momente.

Falls Du noch Fragen hast, schreibe mir doch einfach eine Email: info@erika-thieme.de

Ich freue mich über Deine Nachricht!

Herzliche Grüße

Erika Thieme

Zum Kostenlosen Newsletter http://bit.ly/erika-thieme-Newsletter

Was ist Ihre Meinung zum Thema?

* Erforderliche Felder

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht